Türkei
Nach kurzer Fahrt mit dem Tragflügelboot von Rodos erreichten wir Marmaris. Marmaris ist voll auf Tourismus ausgerichtet, aber trotzdem sehr hübsch. Am andern Tag fuhren wir mit dem Velo weiter. Es war sehr heiss und sehr steil. Kurz vor der Passhöhe auf 750 m musst Claudia das Velo schieben. Plötzlich hielt ein grosser Lastwagen. Der Fahrer schaute aus dem Fenster und fragte, ob wir mitfahren wollten. Ein Blick zu Claudia genügte, bald waren die Drahtesel aufgeladen und wir in der Fahrerkabine. Hasan fuhr sehr schnell und sehr gut, leider konnten wir uns nur mit Hand und Fuss verständigen. So kamen wir an diesem Tag fast 200 km weit statt lumpige 60 oder 70.

Pamukkale heisst Schloss aus Baumwolle und ist wirklich einzigartig. Es ist ein schneeweisser Kalksteinfels, der aus lauter kleinen Terrassen besteht. Diese werden von einer warmen Quelle gespiesen, das Wasser rieselt von Terrasse zu Terrasse, vereinzelt hat es Wasserfälle. Überall wollen einem alte, in Kopftücher eingehüllte Frauen ihre Stickwaren andrehen. Im Tal hat es endlose Baumwollfelder, die Pflückerinnen und Pflücker winken uns exotischen Velotouristen meistens herzlich zu. Die Leute sind sehr freundlich und nett, man kommt gut mir ihnen ins Gespräch. Wenn man sie fragt, ob fotografieren erlaubt sei, wird nie abgelehnt, die Leute sind sogar sehr stolz darauf, verewigt zu werden auf Film.
In Alasehir, tief in der Provinz gelegen, wohin sich selten ein Tourist verirrt, wurden wir von einem Jungen zum Tee eingeladen. Aus dem Tee wurde ein Nachtessen, und später gingen wir an eine türkische Hochzeit. Sogar ich ging tanzen! Ganz entzückt von dieser Gastfreundschaft legten wir einen Ruhetag ein, den wir wiederum mit der Familie Bas verbrachten. Am Abend waren wir bei einer befreundeten Familie zu Gast. Es wurde viel gelacht und gesungen: Üsere Ätti, Buurebüebli, we will rock you... man wollte uns fast nicht mehr gehen lassen. Für uns ist diese Herzlichkeit und Gastfreundschaft neu und ungewohnt. Manchmal kommt es uns schon komisch vor, vor allem wenn ich daran denke, wie wir in der Schweiz mit wildfremden Leuten umgehen. Vielfach werden wir im Vorbeifahren angesprochen und zum Tee eingeladen. In einem kleinen Städtchen werden wir vom Direktor der technischen Schule empfangen. Es folgen Tee, Mittagessen, Tee und ein langes Gespräch mit ihm sowie einigen Lehrern.
Am nächsten Tag decken wir uns auf einem Bauernmarkt mit Mütze und Wollhandschuhen ein. Seit wir Marmaris verlassen haben, wurden die Tage immer kälter, auch hier in der Türkei zieht langsam der Winter ein. Zelten kommt sowieso nicht mehr in Frage, es hat nur der Küste entlang einige Zeltplätze, und die Hotels sind billig.
In Balikeshir lacht uns aus einem Schaufenster ein Hähnchen entgegen, welches kurz darauf gierig von uns verschlungen wird. Das war ein riesengrosser Fehler! Einige Stunden später schaut sich Claudia das Poulet nochmals an und verkotzt das halbe Zimmer. Auch mir wird hundeelend, ich behalte aber meinen Teil. Mit Zeitungen bedecke ich das Gröbste. Am andern Tag putze ich mit einem Glimmstengel im Mund die Sauerei weg, würg!
Auch nach zwei Tagen hat sich unser Magen noch nicht beruhigt. Deshalb geht's per Bus nach Istanbul ins Chaos, wo wir nach einem weiteren Ruhetag Sakine anrufen. Bald darauf werden wir von Cengiz im Hotel abgeholt, wir müssen bei ihnen übernachten. Am Montag holen wir Sack und Pack vom Hotel und bringen alles zu unseren freundlichen Gastgebern. Fünf Tage sind seit dem Hähnchen vergangen, unsere Mägen spinnen noch immer. Es ist Zeit, zum Arzt zu gehen. Celiks müssen sowieso mit ihrer Tochter zum Doktor, sie hat einen Ausschlag im ganzen Gesicht. Die Fahrt im Taxi zum Arzt lohnt sich, von sechs Leuten ist die Hälfte krank. Der Arzt verschreibt uns ein Antibiotikum, doch zum Glück sind es keine Salmonellen, was ich erst befürchtet hatte.
Die folgenden Tage verbringen wir mit der Familie Celik. Wir essen viel, schauen noch mehr Fernsehen, fahren nach Istanbul, besorgen uns Tickets für den Flug nach Indien und bringen die Velos auf Vordermann. Man wird schon etwas komisch angeschaut, wenn man in einer knallroten Goretexjacke und vier Veloreifen über der Schulter durch Istanbul bummelt. Doch dumme Blicke sind wir uns inzwischen gewohnt, ein freundliches Lächeln erhellt auch das Gesicht des grössten Gaffers. Istanbul ist chaotisch und riesig, mit 11 Mio. Einwohnern fast doppelt so gross wie die Schweiz. Sehenswert sind die Moscheen und der grosse überdachte Bazar, obwohl man auch hier fast von jedem Händler angequatscht wird.
Der Flug von Istanbul über Amman nach New Delhi in Indien verlief problemlos, doch auf dem Weg zum Flughafen gerieten wir etwas in Stress. Es regnete in Strömen, die Strassen waren total verstopft und wir kamen sehr spät an. Dann hatten wir 30 kg Übergewicht, 20 kg davon wurden uns geschenkt, doch die restlichen 10 kg mussten wir mit US$ 150.- sehr teuer bezahlen.