Tibet Teil 4: Verbotene Zone
23. Mai 1994 - 8. September 1994, km 8850 - 12'250

Wir wussten, es würde hart werden, 1650 km durch für Touristen verbotenes Gebiet zu radeln. Es war fast eine Art Flucht, ständig die Angst im Nacken, die Polizei könnte uns fangen und zurück schicken. Die grösste Hürde kam 400 km nach Lhasa in Bayi, wo es einen Kontrollposten der Polizei hatte. Diesen mussten wir irgendwie unbemerkt passieren.

Die 400 km lange Piste war übel, wohl eine der schlimmsten, die wir je gefahren waren. Nach dem Pass Mi La ging es zum Glück nur noch runter. 15 km vor Bayi schlugen wir unser Zelt auf einer schönen Wiese auf. Erst später merkten wir, dass es Armeegelände war. Wir wollten uns vor der grossen Nachtetappe einen Tag lang ausruhen. Um acht Uhr abends räumten wir das Zelt weg und hockten uns ans Lagerfeuer, als plötzlich zwei Soldaten auftauchten. Sie setzten sich zu uns, und wir unterhielten uns so gut es ging mit Händen und Füssen.

Tibetische Kinder
Tibetische Kinder

Kurz vor Mitternacht machten wir uns auf den Weg. Claudia fuhr voraus, ich folgte ihr dicht auf den Fersen. Es war ein eigenartiges, spannendes Gefühl, mitten in der Nacht zu fahren. Über uns war der phantastische Sternenhimmel, neben uns bellende Hunde, unter uns die holprige Strasse und in uns die Ungewissheit, Angst, Besorgnis, was alles auf uns zu kommen würde.

Nach zwei Stunden sahen wir die ersten Lichter, immer wieder schaute ich mit dem Feldstecher in die dunkle Nacht hinaus. Als die ersten Häuser kamen, löschten wir das Licht. Dann sahen wir den Kontrollposten, hell beleuchtet, nebenan bellte ein Hund. Es war keiner da, im Eiltempo fuhren wir durch. Uff, das war geschafft! Wir hatten aber noch einen weiten Weg vor uns, auch die 20 km entfernte Stadt Nyingchi mussten wir im Dunkeln durchqueren. Um halb Sechs in der Früh waren wir da, gerade als die Morgendämmerung anbrach.

Die nächsten Tage waren allesamt spannend. Hinter Tangmai fing es an, wo ein Riesenerdrutsch 500 m der Strasse einfach weggespült hatte. Vereinzelt kollerten noch kleinere Steine runter. Wir mussten drei Stunden lang Velos und Gepäck über einen schmalen, rutschigen Trampelpfad ans andere Ende tragen.

Erdrutsch
Erdrutsch

Am andern Tag galt es, einen reissenden, tiefen Wildbach zu durchqueren. Fast hätte es Claudias Rad mitsamt Gepäck mitgerissen, mit letzter Anstrengung zogen wir es ans Ufer.

In Bomi herrschte wieder Polizeigefahr. Unsere Devise lautete wie immer: essen, einkaufen, weiterrasen. In einer Kaserne konnte ich einen Soldaten überreden, uns Benzin für den Kocher zu geben, da es im Ort selber keine Tankstelle gegeben hatte. Als wir weiter radelten, kam uns ein Jeep entgegen. Drei Männer sprangen raus und schrien uns an. Scheisse, Polizei! Einer von ihnen sprach englisch: "Show me your pass". Wir stellten uns einfach blöd. "What is pass? I don't understand, sorry, I don't speak Chinese", erwiderte ich. Er wiederholte seine Frage noch ein paarmal, vergebens, ich wollte ihn nicht verstehen.

Dann wollte er, dass wir mit ihm zurück aufs Revier gingen. Auch das verstanden wir nicht, lächelten immer höflich. Der Polizist verzweifelte fast. Nach einiger Zeit verschwand der Fahrer und kam mit dem Polizeichef zurück. Sie diskutierten und gestikulierten wie wild, wir verstanden kein Wort. Der eine sagte: "Here is close to foreigners", er schrieb mir den Satz sogar falsch auf. Ich machte ihm wiederum klar, dass ich ihn nicht verstünde.

Flussdurchfahrt
Flussdurchfahrt

So ging das eine gute halbe Stunde, es war ein Katz-und-Maus Spiel. Dann kam mir die geniale Idee, ihnen die chinesische Landkarte zu zeigen, die wir in Lhasa gekauft hatten, und auf welcher ich mit Leuchtstift unsere Route markiert hatte. Das schien ihnen Eindruck zu machen, oder sie hatten wohl noch nie in ihrem Leben eine Karte gesehen. Sie steckten die Köpfe zusammen und begutachteten die Landkarte fast zehn Minuten lang. Plötzlich sagte der eine: "You can walk with your bicycle". Schleunigst fuhren wir davon. Kaum waren wir ausser Sicht, fielen wir uns jubelnd und tanzend in die Arme, jauchzten uns die ganze Anspannung und Aufregung aus dem Leib. Im dümmsten Fall hätte man uns büssen und zurückschicken, oder gar die Räder konfiszieren können.

Dafür stieg unsere Kamera aus, da alle Batterien der Kälte wegen unbrauchbar geworden waren. Mit normalen 1,5 Volt Zellen bastelte ich notdürftig ein kleines "Powerpack", die Kamera funktionierte ab diesem Zeitpunkt jedoch nur noch sporadisch. Ich ärgerte mich sehr, keine Ersatzbatterien mitgenommen zu haben.

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