Indonesien - Teil 2: Java
Wir fuhren mit einer Grossfähre in die Hauptstadt Jakarta auf der Insel Java. Die Fahrt dauerte 30 Stunden und war ein ganz spezielles Erlebnis. Das Schiff war gerammelt voll, es regnete in Strömen, und wir mussten die vollgeladenen Räder über enge, rutschige Metalltreppen bis aufs sechste Deck hoch schleppen.
Die allgemeinen Kabinen - riesige Schlafsäle mit Holzpritschen, in denen es nach Essen, Schweiss, Urin und Kotze roch - waren alle belegt. So schlugen wir eben unser Zelt draussen unter einer Treppe auf, während sich rings um uns herum Leute niederliessen. Bei jedem Schritt musste man aufpassen, um nicht auf irgendwelche Körperteile fremder Menschen zu treten. Doch alle waren sehr nett und zuvorkommend. Besonders die jungen Männer interessierten sich sehr für meine Frau, die solche Beachtung sichtlich genoss.

Jakarta selber war eine hässliche Dreckstadt, die wir schnell hinter uns liessen. Wir fuhren durch schöne Teeplantagen auf den Puncakpass, überall sahen wir die in Tücher eingehüllten Pflückerinnen mit ihren breitkrempigen Strohhüten.
Nach der Passhöhe gerieten wir in ein Gewitter. Plötzlich schlug ganz nah von uns ein Blitz ein, gefolgt von einem unheimlichen Donnerschlag. Fünf Minuten später schrie Claudia, sie fühle sich nicht wohl, sie müsse anhalten. Sie zitterte am ganzen Leib, war ganz in Tränen aufgelöst und nicht mehr in der Lage, vom Fahrrad zu steigen. Ich erschrak, als ich ihr vom Velo auf eine Bank half und ihr käsebleiches Gesicht sah. Sie sagte mir, nach dem Blitzschlag hätten sich bei ihr alle Muskeln verkrampft, sie hätte fürchterliche Angst ausgestanden. Nach einer halben Stunde, das Gewitter hatte sich inzwischen verzogen, ging es ihr wieder besser.
Weiter ging es durch Zentraljava, vorbei an mächtigen Vulkanen, durch endlose Reisfelder und wilden Dschungel. Auf dem Weg zum Dieng Plateau verschätzten wir uns gewaltig, statt auf 1400 lag es auf über 2100 Metern. Die Strasse führte fast senkrecht hoch, nur um hinter dem nächsten Hügel ebenso steil wieder runter zu gehen. Die Velos degradierten wir zu Schubkarren, vom vielen Schieben kriegten wir Muskel- und Wadenkrämpfe. Acht Kilometer vor dem Ziel gaben wir auf, wir waren am Ende unserer Kräfte angelangt. Ausserdem hatte es zu regnen angefangen. Kurzerhand hielten wir einen Jeep an, der uns nach Dieng mitnahm.
Am anderen Tag besichtigten wir die Hindutempel aus dem achten Jahrhundert. Viel spannender aber waren die in der Nähe liegenden heissen Quellen, aus denen übelriechende, gelbliche Schwefeldämpfe aufstiegen. Die Nächte waren eiskalt, wir waren froh um unsere Faserpelze, die wir doch so lange nur mitgeschleppt hatten ohne sie zu brauchen. Nach der kältesten aller Duschen mit klarem Bergwasser war ich auf die Hälfte meiner Körpergrösse zusammengeschrumpft, noch eine Stunde später klapperte ich mit allen Zähnen.
Die Abfahrt hinunter ins Tal war schön und vor allem schön steil. Die Bremsen qualmten ordentlich. Wir erreichten Borobudur, den grössten Hindutempel der Welt. Um sechs Uhr in der Früh schauten wir uns dieses eindrückliche Bauwerk in aller Ruhe an. Es war einer der seltenen klaren Morgen, an welchen man im Hintergrund den Vulkan Merapi mit seiner Rauchfahne sehen konnte.

Die Stadt Yogyakarta ist das kulturelle Zentrum Javas. Wir besuchten ein Schattenpuppentheater, was ganz amüsant war. Ein einzelner Mann, der Dalang, sitzt vor einem gespannten Tuch im Schneidersitz. Er bedient bis zu fünfzig Puppen aus gegerbtem Büffelleder und imitiert ebenso viele unterschiedliche Stimmen und Geräusche. Eine solche Vorstellung kann bis zu neun Stunden dauern und ist ein wichtiges kulturelles Ereignis. Der Dalang ist ein sehr hoch angesehener Mann, eine wichtige Persönlichkeit, und er muss ausserordentliche Fähigkeiten besitzen. Begleitet wird er von einem Gamelanorchester.
Immer weiter führte unsere Reise nach Osten, mitten durch eine hügelige, tolle Gegend, wo wir wieder die einzigen Touristen waren. Unser nächster Stopp war der aktive Vulkan Bromo. Durch eine öde Mondlandschaft gelangt man über ein Sandmeer an seinen Krater, 250 steile Stufen führen zum riesigen Schlund. So wird wohl der Eingang zur Hölle ausschauen, stinkende Schwefelgase steigen empor, manchmal sind Flammen zu sehen. Weit und breit ist alles Lebende abgestorben, nur der kahle, nackte, von giftigen Dämpfen zerfressene Fels guckt hervor.
Eines Abends, wir befanden uns gerade auf dem Weg zu einem Restaurant, kam plötzlich ein Mann auf mich zu und hielt die Hand hoch wie ein Polizist. Ich lächelte ihn freundlich an und wollte mich an ihm vorbeimogeln, als er mir ganz unerwartet seine Faust in die Rippen knallte. Ich war völlig verdattert nach diesem hinterhältigen Schlag, hatte mich aber nach einer Schrecksekunde wieder gefasst. Peng, tätsch, bumm - ich haute diesem widerlichen Idioten meine geballte Ladung Finger seitlich in die Fresse. Schon kamen die ersten Leute angerannt. Der Mann habe eine Schraube locker, erzählten sie uns. Dies hatten wir selber auch festgestellt!