Indien Teil 4: Südindien
18. November 1993 - 2. Mai 1994, km 2300 - 8300

Je länger je mehr machte uns die Hitze zu schaffen, welche ab elf Uhr fast unerträglich war. Vor allem, wenn es nirgends Schatten hatte und wir stundenlang in der prallen Sonne fahren mussten. Auch die Busse fahren extrem rücksichtslos. Alle haben sie so laute Hupen, dass man fast einen Gehörschaden kriegt. Also mussten wir unsere Strategie ändern, d.h. um fünf Uhr aufstehen, bei Sonnenaufgang um halb sieben losfahren, damit wir spätestens am Mittag am Ziel waren.

Tempelzeremonie
Tempelzeremonie

Zuvor aber nagelte uns ein Durchfall in Mangalore fest, diesmal erwischte es Claudia. Somit konnten wir ausgiebig die Stadt besichtigen, im riesigen Früchte- und Gemüsemarkt umherirren und bei den nationalen Gewichthebemeisterschaften zusehen. Auch dies war eine völlig neue Erfahrung, einmal muskulöse Inder zu sehen. Am Bahnhof reservierten wir die Züge für die Rückfahrt nach Delhi. Seit 1988 ist die Bahn vollständig computerisiert, an jedem grösseren Bahnhof kann man alle Züge bis 60 Tage im Voraus buchen.

Am nächsten Tag landeten wir auf der Suche nach einer Unterkunft in einem Ashram. Dies ist eine Art Kloster, ein Ort der Meditation. Gegründet wurde dieser von Sri Swami Ramdas, einem Guru, welcher in den 70er Jahren gestorben war. Wir trafen erstaunlich viele Weisse an, die zum Teil schon seit Monaten dort waren. Sie studierten die Lehre ihres Gurus und übten sich in Meditation. All das hat aber nichts mit einer Sekte zu tun, ein Ashram steht allen offen, finanziert wird er durch Spenden. Es war ein sehr friedlicher, aber trotzdem komischer Ort, stundenlang umkreisten die Leute die Gruft ihres Gurus, immer den gleichen Spruch murmelnd: Om sri ram jai ram jai jai ram. Am folgenden Tag fuhren wir weiter.

Eines Abends, wir kamen gerade von unserem Einkaufsbummel zurück, ging Claudia aufs WC, um aber gleich wieder schreiend hinaus zu hüpfen. In der Toilette hatte sich eine Käferschar versammelt, Kakerlaken, die aus dem Abflussrohr hochgekrochen kamen. Würg! Alsbald ging die grosse Käferjagd los, mit den Turnschuhen zermalmten wir die ekligen Biester und stellten danach einen mit Wasser gefüllten Eimer auf den Abfluss. Nach den Käfern kamen die Ameisen, wir konnten gut beobachten, wie die einzelnen Körperteile abtransportiert wurden.

Kinder in Trivandrum
Kinder in Trivandrum

Wir hatten den Highway verlassen und fuhren auf einer schattigen Nebenstrasse, als diese hinter einem Dorf einfach aufhörte. Nur ein schmales Sandweglein führte einen steilen Abhang hinunter in ein breites Flussbeet. Nach einem Kilometer anstrengenden Veloschiebens durch tiefen Sand standen wir plötzlich am Wasser, ein Fluss versperrte uns den Weg. Claudia fing schon zu jammern an, als wir einen Mann in einem kleinen Boot entdeckten. Kurze Zeit später hatten wir die Velos samt Gepäck ins Boot gehievt, und bald gelangten wir ans andere Ufer.

Nach gut 5500 km auf Indiens Strassen erreichten wir unser Ziel, Trivandrum und Kovalam Beach, der schönste Strand, den wir je gesehen hatten. Endlich konnten wir die Räder hinstellen und einfach mal nichts tun, faulenzen, essen und baden. Wir hatten diese Pause nach sechs Monaten Fahrradfahren dringend nötig. Als wir ein Museum besichtigten, stiessen wir auf eine Filmcrew, welche einen indischen Oberschnulzenfilm drehte. Es sind dies alles rührige Liebesgeschichten mit schleimigen Schauspielern, es wird viel getanzt und gesungen. Claudia flippte fast aus, am liebsten hätte sie den ganzen Tag lang zugeguckt.

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