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Indien Teil 1: Punjab
18. November 1993 - 2. Mai 1994, km 2300 - 8300
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In New Delhi waren wir müde vom Flug, deshalb gings per Taxi in die Stadt. Natürlich bezahlten wir das Doppelte des üblichen Preises, aber wir mussten sowieso noch viel lernen in Indien. Mehr als eine Woche waren wir in dieser Riesenstadt, wobei wir die ersten paar Tage hoffnungslos überfordert waren. Man kann es fast nicht beschreiben, alles ist extrem und komplett anders, so ganz anders, dass man sich dies fast nicht vorstellen kann. Hier liegen Himmel und Hölle ganz eng zusammen, die dunklen und unschönen Seiten des Lebens werden nicht verdeckt, sie sind immer und überall sichtbar, schonungslos und schockierend. Menschen: Vom Schlipsträger, Frauen in bunten Saris, Sikhs mit Turbanen bis hin zum verstümmelten Bettler ohne Beine, der sich mittels Holzbrett mit kleinen Eisenrädchen fortbewegt, ist alles anzutreffen.
Indischer Strassenverkehr
Lärm: Alle Vehikel werden gefahren, bis sie auseinanderfallen und wirklich gar nicht mehr zu gebrauchen sind. Die Inder sind Weltmeister im Flicken, Reparieren und Improvisieren. Hier werden die unmöglichsten und hoffnungslosesten Fälle irgendwie repariert. Es ist manchmal wirklich erstaunlich, wie die das hinkriegen. Aber Schalldämpfer haben die wenigsten dieser Vehikel und gehupt wird, dass einem Hören und Sehen vergeht. Verkehr: Offiziell ist Linksverkehr, aber in Wirklichkeit gibt es keine Regeln, es herrscht totale Anarchie. Busse, Lastwagen, Autos aus den 50ern, Taxis, Scooter, Velos, Fussgänger, Hunde, Schweine, Kühe, Ochsen, Esel-, Pferde-, Ochsen- und Dromedarkarren, ab und zu sogar ein Elefant, alles, aber auch wirklich alles bewegt sich irgendwie auf derselben Strasse, es ist der totale Wahnsinn! Leider sind wir Radfahrer in der Hierarchie fast zuunterst, und Hunde und Fussgänger zu treten macht auf die Dauer auch keinen Spass. Luft: Selbst der dickste Basler Smog ist pure Alpenluft im Vergleich zu demjenigen Delhis. Es ist extrem staubig und dreckig, von den Abgasen der Motoren ganz zu schweigen. Abends sind wir jedesmal fast schwarz, die Dusche verkommt zum abendlichen Ritual. Das ist Indien! Am meisten Probleme hatten wir mit dem Essen, es ist zum Teil extrem scharf. Westliche Lebensmittel sind nur schwer zu finden, Brot, Käse, Würste und Fleisch kann man vergessen. Bei einem Blick in die Metzgereien vergeht einem die Lust darauf von alleine. Doch mit der Zeit entwickelt man ein Gespür für die guten Sachen, und wir entdecken laufend neue, feine Lebensmittel und Speisen. Anstatt Brot gibt es Toast und Chapatis, runde Fladen aus Weizenmehl, welche jeweils ofenfrisch serviert werden. Viele Speisen werden mit Chapatis von Hand gegessen. Das vegetarische indische Essen ist lecker, wenn es nicht allzu scharf gewürzt ist. Claudia isst lieber chinesisch, das ist fast überall erhältlich. Der erste Versuch, unsere Bekannte Bhutee zu erreichen, scheiterte. Sie war nach Bombay verreist. So gingen wir erst mal nach Norden in den Punjab, wo wir eine andere Adresse hatten. Mit Hilfe eines Deutsch sprechenden Inders fanden wir den Bauernhof in einem kleinen Dorf irgendwo in der Pampa. Wir wurden von Ishwar Singh und seiner Frau herzlich empfangen. Natürlich waren wir die Sensation in dem kleinen Dorf, nach und nach kamen alle Bewohner, um uns zu sehen. Im Punjab leben die Sikhs, ein sehr stolzes und schönes Volk. Die Männer tragen Turbane, schneiden nie in ihren Leben die Haare, sind Vegetarier und trinken keinen Wein. Den Turban tragen sie, um ihre Haare zu bedecken. Es sind sehr schöne Männer, Claudia schwärmte ständig von ihnen. Am Sonntag waschen die Sikhs ihre Haare. Wir flippten fast aus, als wir die Männer - vom Kind bis zum Greis - mit ihren bis an den Po reichenden Haaren umher spazieren sahen. Der Anblick war phantastisch. Alle Heavy Metal Fans würden vor Neid erblassen und kämen sich wie kahlgeschorene Skinheads vor! Ishwar erzählte uns, dass seine beiden Söhne in Ludhiana, einer 70 km entfernten Stadt, welche das Zentrum der Fahrradindustrie Indiens sei, wohnten. Am gleichen Sonntag kam sein Schwiegersohn von Amerika zurück. Bevor wir nach Ludhiana fahren konnten, mussten wir ein paar Tage bei ihm und seiner Frau in einer neuen Villa zu Gast sein. Amrik Singh hat in Amerika einen eigenen Lastwagen, er arbeitet 6 Monate dort, die restliche Zeit verbringt er in Indien. Wir genossen die Zeit unheimlich, da wir sehr umsorgt und verwöhnt wurden. Bald aber war unsere Unternehmungslust stärker und wir brachen auf nach Ludhiana.
Sikh Tempel in Sirhind
Manmohan und Puntee Singh führen eine Privatschule. Wir wurden sehr herzlich aufgenommen. Die 200 Schüler waren sehr neugierig, genauso wie wir. Am Abend tanzten uns vier Mädchen, welchen wir besonders gefielen, Volkstänze aus dem Punjab vor. Die Lernmethoden dieser Schulen hinken den unseren etwa hundert Jahre hinterher, hier wird noch gepaukt wie zu Urgrossvaters Zeiten. Einen vollen Tag lang konnten wir Schüler und Lehrer beobachten und uns an unsere Schulzeit erinnern. Nur ungern liessen die Leute uns gehen, aber wir versprachen, mit meiner Schwester Lisa, welche ihren Besuch angekündigt hatte, zurückzukommen. Danach gings an den Fuss des Himalayas, per Bus sogar einmal auf 2000 m hinauf nach Mussoorie, einem bekannten Ferienort. Von dort konnten wir die ersten schneebedeckten Gipfel des Himalayagebirges sehen. Phantastisch war das! Nach einem kleinen Abstecher zum heiligen Fluss Ganges radelten wir zurück nach Delhi, welches wir vor Weihnachten zum zweiten Mal erreichten. Wir waren skeptisch, ob die Zeltstangen schon angekommen waren, denn seit anfangs Dezember streikte die Post. Auch erzählte man uns, Briefe vor unseren Augen abstempeln zu lassen, da sonst die Briefmarken wieder abgerissen und ein zweites Mal verkauft würden. Hoffentlich sind alle Briefe angekommen. Diesmal war Bhutee zu Hause, sie brachte uns die Zeltstangen und vier Briefe mit. Mensch, war das ein Freudenfest, Post aus der Heimat zu erhalten. Auf dem Weg in den Punjab hatten wir unheimliches Glück gehabt, fast hätte es eine Katastrophe gegeben. Während einer Essenspause unterwegs kamen drei junge Inder zu uns. Nach einem längeren Gespräch wollte der eine ein Foto, welches Claudia auch knipste. Unterdessen durchwühlte einer der drei unbemerkt mein Lenkertäschchen und schmiss die Tasche mit Pass, Geld und Checks ins Gebüsch. Als ich den Fotoapparat wieder versorgte, fiel mir auf, dass irgendwas fehlte. Sofort kam Panik auf, Scheisse, alles weg! Ich wusste, dass die Tasche vorher noch drin gewesen war, und nicht weit weg sein konnte. Ich tastet die drei Inder ab, nichts! Dann suchten wir die Gegend ab, und siehe da, hurra, da unten liegt es im Gebüsch. Schnell suchten wir das Weite! Welch ein Glück, das hätte ganz bös ins Auge gehen können. Dies war uns natürlich eine Lehre, wir kauften sogleich Geldgürtel, welche wir fortan Tag und Nacht unter dem T-Shirt trugen. Bei den Rädern traten die ersten Pannen auf, mir gingen der vordere Gepäckträger und die hintere Felge kaputt. Den Gepäckträger konnte ich für 5 Rupees (25 Rappen) schweissen lassen, die Hinterfelge kostete mit Einspeichen 200 Rupees (10 Franken). Jetzt rollt mein Drahtesel wieder bestens. | ||||
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