Chile/Argentinien - Teil 2: Ruta 40
Bis zum argentinischen Zoll waren es sieben Kilometer. Der Wind, der fast orkanartige Stärke angenommen hatte, blies uns regelrecht dorthin. Die Zöllner waren sehr nett und fragten uns bemitleidend, wohin wir denn bei diesem Wind fahren wollten. Fünf Minuten später verstand ich auch warum.
Die Strasse machte einen Bogen, womit wir den Wind schräg von vorne hatten. Radeln war unter solchen Bedingungen nicht mehr möglich, ich brauchte die ganze Fahrbahnbreite, während Claudia nur noch schieben konnte. Doch es war wie immer, jeder schlechte Tag bringt auch etwas Gutes. Diesmal in Form einer argentinischen Familie mit einem Pickup, die uns fast 200 km bis zur nächsten Ortschaft mitnahm. So hatten wir doch noch Glück im Unglück.

In El Calafate besichtigten wir den spektakulären Perito Moreno Gletscher. So einen schönen Gletscher hatten wir noch nie gesehen. Eine überdimensionale, 20 km lange, mehrere Kilometer breite und etwa 70 m hohe Zunge, die von den riesigen chilenischen Eisfeldern hinabführt und in einem azurblauen See mündet. Wenn die Sonne draufscheint, schimmert dieser Gigant bläulich, von Zeit zu Zeit splittert unter riesigem Getöse ein Eisbrocken ab, der dann als Eisberg im See schwimmt.
Nun folgte das schwerste Stück, die Ruta 40. Vor uns lagen 620 km einsame, öde Pampa, berüchtigt für ihre grausamen Winde. Doch diesmal war das Glück auf unserer Seite, wir hatten meistens nur leichten Gegenwind. Einheimische sagten uns, bei Mondwechsel seien die Winde nie so stark, und wirklich, wir waren kurz vor Neumond losgefahren. Auch die Piste war besser als erwartet, nach zehn Tagen hatten wir es hinter uns. Erstaunlicherweise trafen wir auf dieser Strecke recht viele Velofahrer.
Auf der Ruta 40 kamen Erinnerungen an Australien hoch, wo wir solch unendliche Weiten zum ersten Mal angetroffen und durchradelt hatten. Auf der einen Seite muss man sich beim Radfahren voll auf die meist mehr schlechte als rechte Schotterpiste konzentrieren, aber irgendwann driftet man mit seinen Gedanken ab. Die Landschaft versetzt einen in eine eigenartige Stimmung, man kann auch fast von Trance reden. Man hat Zeit, unendlich viel Zeit um über Gott und die Welt nachzudenken. Manchmal spielt sich einem das ganze Leben vor Augen ab, und viele Erlebnisse aus meiner Kindheit und Schulzeit kamen mir wieder in den Sinn.

Wir hatten vorher von etlichen Radfahrern Berichte über diese berühmte Ruta 40 gehört. Die meisten rieten uns davon ab, sie überhaupt in Angriff zu nehmen. Aber nach mehr als zwei Jahren auf Achse waren wir für sämtliche Abenteuer gewappnet. Schlimmer, anstrengender oder eintöniger als die Durchquerung von Himalaya und Australien konnte es nicht werden. Natürlich hatten wir Respekt vor dem berüchtigten Wind, aber genau deshalb war unser oberstes Ziel, unabhängig zu sein.
Unabhängig in dem Sinn, immer genug Lebensmittel und Wasser mit uns zu führen, so dass wir auch irgendwo mitten in der Pampa ein paar Tage bleiben konnten, bis sich die Bedingungen besserten. Lieber hatten wir ein paar Kilos mehr auf dem Gepäckträger und waren langsamer unterwegs, als auf Essen zu verzichten. Das hatte sich bisher gut bewährt, und wir fragten uns immer, wie denn die Radfahrer ohne viel Gepäck auf solchen Strecken überleben konnten.

Die Ruta 40 führt 660 km von El Calafate bis zur Ortschaft Perito Moreno, zwischendrin hat es gerade mal zwei kleine Dörfer, wo man Grundnahrungsmittel kaufen kann: Tres Lagos und Bajo Caracoles. Das erste Stück bis Tres Lagos war ziemlich übel, danach wurde die Strecke besser und relativ eben. Erst ab Bajo Caracoles wurde es wieder hüglig. Andere Fahrzeuge trafen wir auch mitten im Hochsommer fast keine an, vielleicht zwei oder drei pro Tag.