Chile/Argentinien Teil 4: Wir bleiben in Chile hängen
23. Dezember 1995 - 22. März 1996, km 30'550 - 33'250

Wir hatten uns schon lange auf die berühmte Schokolade von Bariloche gefreut. Unsere erste Tat war denn auch der Gang zu einer Schokoladenfabrik, wo wir gleich 1 kg einkauften. Wir stritten uns um jede Praline!

Wir quartierten uns bei einer Familie ein, wo ein Deutscher Auswanderer lebte. Er erzählte uns viel über sich, wie das Leben im Ausland sei und mit welchen Schwierigkeiten man zu kämpfen habe. Zum erstenmal machten wir uns ernsthaft Gedanken über unsere Zukunft. Wollten wir wirklich noch jahrelang weiterradeln wie die Zigeuner? Hatten wir nicht irgendwie das Verlangen nach einem eigenen Zuhause, nach den eigenen vier Wänden? Viele Fragen und keine Antworten.

Huaso - Chilenischer Cowboy
Huaso - Chilenischer Cowboy

Aber wir fuhren weiter durch die Sieben Seen, vorbei am Vulkan Lanin und über den Tromenpass nach Chile. In Pucón ging ich in einen grossen Supermarkt einkaufen, während Claudia draussen die Räder bewachte. Ein Deutscher Mann sprach sie an und lud uns zu sich nach Hause ein. Es stellte sich heraus, dass Truus und Hans am Einwandern waren. Dies gab uns vollends den Rest, auch wir beschlossen, eine längere Pause einzulegen. Wir hatten genug, wollten mal was anderes tun als nur Radfahren den ganzen Tag. So mieteten wir uns kurzerhand für sechs Monate ein Haus.

Wir merkten bald, dass wir nicht mehr weiterreisen wollten, wir einfach keine Lust mehr hatten. Überhaupt war es schon so, dass wir uns mehr auf einen guten, voll ausgestatteten Supermarkt freuten als auf schöne Städte oder Gegenden. Sollte das der ganze Zweck des Reisens sein? War nicht schon ein Punkt erreicht, an dem es keinen Sinn mehr machte?

Vulkan Lanin
Vulkan Lanin

In die Schweiz zurückkehren wollten wir jedoch auch nicht. Zweieinhalb Jahre lang waren wir ein Team gewesen, hatten uns von niemandem Befehle erteilen lassen, waren unsere eigenen Chefs gewesen. Dies sollte auch in Zukunft so sein. Wir überlegten uns, was wir machen könnten, erkundigten uns nach den Einwanderungsprozeduren und -anforderungen und kamen bald zum Schluss, dass wir zur rechten Zeit am rechten Ort waren.

Unangemeldet flogen wir zurück in die Schweiz, um uns zu verabschieden. Familie, Freunde, Verwandte und Bekannte staunten nicht schlecht, als sie unsere Botschaft hörten. "Meint ihr das wirklich ernst", fragten uns viele. Wir waren schon so lange weg aus der Schweiz, dass es uns nichts ausmachte, noch länger wegzubleiben. Der grosse Schritt für uns war der erste Abschied gewesen, derjenige bei Reisebeginn.

Zurück in Chile gingen wir auf die Suche nach einem geeigneten Haus. Schon bald war uns klar geworden, was wir anbieten wollten: Eine einfache, gemütliche Herberge für Billigreisende und Radfahrer. Es sollte ein Ort sein, wo sich die Leute wohl fühlen, wo sie rumhängen und sich ausruhen können - also genau den Typ Unterkunft, den auch wir auf unserer Reise gesucht hatten. Wir entschieden uns absichtlich, nicht in Pucon zu suchen, dort war es uns zu touristisch, wir wollten in Villarrica eine Alternative anbieten. Wir suchten lange und fanden schlussendlich unser Traumhaus, welches wir LA TORRE SUIZA tauften.

La Torre Suiza
La Torre Suiza

Das war im Juli 1996 gewesen, seither sind wir hier. Oft dachte ich an unsere Reise zurück, hatte oft ein Kribbeln in den Waden, Sehnsucht nach einem neuen Trip. Keine Sekunde und kein Erlebnis möchte ich missen, es war ein wichtiger, schöner Teil meines Lebens gewesen.

Irgendwann gehen wir weiter. Wenn wir eines Tages die Nase voll haben vom Torre Suiza, packen wir unsere Sachen und machen uns wieder auf den Weg. Es hat noch viele schöne Orte auf dieser Welt, die wir noch nicht gesehen haben. Natürlich können wir nicht sofort weg, schliesslich sind wir inzwischen eine Familie. Aber das macht nichts, ein Kind aufwachsen zu sehen ist auch eine spannende Reise, wenn auch eine stationäre: Jeder Tag steckt voller Überraschungen. Und unsere Reise können wir auch noch in ein paar Jahren fortsetzen.

ENDE

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